Dies ist die Einschätzung von Fachleuten für Zollrecht und Außenhandel, die von der elektronischen Zeitschrift Consultor Juridico befragt wurden. Brasilien werde veraltete Bürokratien reformieren und seine Produktionsstandards auf ein globales Niveau heben müssen, um die Chancen des Abkommens zu nutzen, ohne von europäischer Konkurrenz verdrängt zu werden.
In Zahlen dürfte das Abkommen nahezu alle Sektoren der brasilianischen Wirtschaft begünstigen. Eine im Februar 2024 vom Institut für Angewandte Wirtschaftsforschung (Ipea) veröffentlichte Studie prognostiziert bis 2040 ein kumuliertes BIP-Wachstum von 0,46% und einen Anstieg der Investitionen um 1,49%.
Sektoren wie die Agrarwirtschaft, die bereits global wettbewerbsfähig sind, dürften die Vorteile schneller spüren. Die brasilianische Industrie hingegen wird in den ersten Jahren voraussichtlich unter dem Wettbewerb europäischer Produkte leiden, die auf dem nationalen Markt günstiger werden.
Langfristig kann sich der Industriesektor jedoch stärken, weil Vorprodukte und Technologie ebenfalls zollfrei ins Land gelangen. Dafür muss Brasilien sich jedoch an neue Exzellenzstandards anpassen. Das erfordert eine dringende Modernisierung der internen Zollverfahren, um Bürokratie, Rechtsunsicherheit und eine mögliche Bevorzugung europäischer Akteure gegenüber regionalen Partnern zu vermeiden.
Effizienzschub
Aus Sicht der Industrie ist das Abkommen ein Instrument der Industriepolitik, das den nationalen Sektor qualifizierter Konkurrenz aussetzt. Nach Ansicht des Oekonomen Victor Bovarotti Lopes, Spezialist für Außenhandel, hatte Brasilien historisch die Notwendigkeit, seine Wirtschaft zu öffnen, um die Wettbewerbsfähigkeit zu steigern. Die strategische Wahl fiel auf Europa, das strengen Markt-, Arbeits- und Umweltregeln folgt.
Lopes geht davon aus, dass ineffiziente Sektoren, etwa Teile der Textilindustrie, Schwierigkeiten haben werden, der Prozess jedoch zu besseren und günstigeren Produkten für brasilianische Verbraucher führen kann.
Der Mercosur habe seinen Industriesektor für mehr Wettbewerb öffnen müssen, um die Wettbewerbsfähigkeit seiner Unternehmen zu erhöhen. Nach Auffassung des Oekonomen wäre dieser Schritt auch ohne ein Abkommen mit der Europäischen Union notwendig gewesen.
Die wirtschaftliche Selektion werde unvermeidlich, langfristig aber positiv sein. Wer mit Italien nicht konkurrieren könne, obwohl dessen Standards und Kostenstrukturen andere seien als etwa jene Chinas, müsse seine eigene Effizienz kritisch überprüfen.
Ende der Isolation
Derzeit sind nur 8% der brasilianischen Importe an internationale Abkommen gebunden. Mit dem Vertrag wird dieser Anteil auf 36% steigen.
Das Abkommen verlangt die Einhaltung von Umwelt- und Nachhaltigkeitsstandards, die in Europa bereits Realität sind, etwa den CO2-Grenzausgleichsmechanismus CBAM. Dabei handelt es sich um eine Politik, die eine Abgabe auf emissionsintensive Importprodukte wie Stahl, Aluminium, Zement und Düngemittel vorsieht.
Der Mercosur muss Verpflichtungen erfüllen, die auf Seiten der Europäischen Union sehr streng sind und Umwelt, Arbeitsregeln, Entwaldung und Nachhaltigkeit betreffen.
Quelle: Conjur